Ein Gespräch mit Bischof Heinrich Bedford – Strohm (1960- )
Mittwoch , 1. Oktober 2026 /
Interviewer : Chai, Soo-il (ehemalige Präsident in der Hanshin-Universität, derzeitige Vorsitzende der Christlichen Akademie)
A Conversation with Bishop Heinrich Bedford-Strohm (1960– ) Wednesday, October 1, 2026
Interviewer: Chai Soo-il (former President of Hanshin University, current Chair of the Christian Academy)
Begrüßung und Einführung zu Heinrich Bedford – Strohm
Wir begrüßen Bischof Heinrich Bedford-Strohm ganz herzllzich. Er hat internationalesn Symposiums mit dem Titel ‚Religion, Zivilgesellschaft und Soziobiologie: Eine Perspektive der öoeffentlischen Theologie‘ besucht. Dieses Symposium hat an der Graduate School of Theology der Hanshin-Universität stattgefunden und ist vom Berkeley Center for International Public Theology Forum ausgerichtet und von dem Karl Barth Center for Public Theology und der Korea Christian Academy unterstüuetzt worden..
Bischof Heinrich Bedford-Strohm wurde 1960 in Memmingen geboren und 1997 zum Pfarrer ordiniert. Er studierte Theologie in Erlangen, Heidelberg und Berkeley. Er hat 1992 in Heidelberg promoviert mit der Dissertationsarbeit „Vorrang für die Armen. Auf dem Weg zu einer theologischen Theorie der Gerechtigkeit“. Er habilitierte 19989 mit der Arbeit „Gemeinschaft aus kommunikativer Freiheit. Sozialer Zusammenhalt in der modernen Gesellschaft. Ein theologischer Beitrag.“ Als Wissenschaftler lehrte Bischof Bedford-Strohm von 2004 bis 2011 Systematische Theologie an der Universität Bamberg und ist seit 2011 Honorarprofessor an dieser Bayerischen Universität. Seit 2009 ist er auch Außerordentlicher Professor an der Universität Stellenbosch/Südafrika. Er wurde 2011 zum Bischof der baeyerischen Landeskirche gewählt. Von 2014 bis 2021 war er Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) und im Jahr 2022, wurde er bei der 11. Vollversammlung des Weltkirchenrats in Karlsruhe, Deutschland, zum Vorsitzenden gewählt.
Welcome and Introduction to Heinrich Bedford-Strohm
We warmly welcome Bishop Heinrich Bedford-Strohm. He attended an international symposium titled “Religion, Civil Society, and Sociobiology: A Perspective of Public Theology.” The symposium was held at the Graduate School of Theology at Hanshin University, organized by the Berkeley Center for International Public Theology Forum, and supported by the Karl Barth Center for Public Theology and the Korea Christian Academy.
Bishop Heinrich Bedford-Strohm was born in Memmingen in 1960 and ordained as a pastor in 1997. He studied theology in Erlangen, Heidelberg, and Berkeley. In 1992, he earned his doctorate in Heidelberg with a dissertation titled “Priority for the Poor: Toward a Theological Theory of Justice.” In 1998, he completed his habilitation with the thesis “Community from Communicative Freedom: Social Cohesion in Modern Society – A Theological Contribution.”
As a scholar, Bishop Bedford-Strohm taught Systematic Theology at the University of Bamberg from 2004 to 2011 and has served as an honorary professor at this Bavarian university since 2011. Since 2009, he has also been an associate professor at Stellenbosch University in South Africa. In 2011, he was elected Bishop of the Evangelical Lutheran Church in Bavaria. From 2014 to 2021, he served as Chair of the Council of the Evangelical Church in Germany (EKD). In 2022, he was elected Chair of the World Council of Churches at its 11th Assembly in Karlsruhe, Germany.
Dr. Chai: Ist dies Ihr erster Besuch in Korea? Wenn Sie Korea schon einmal besucht haben, was waren Ihre Eindrücke von Korea und der koreanischen Kirche?
Is this your first visit to Korea? If you have visited Korea before, what were your impressions of the country and the Korean church?
Heinrich:
Ich habe 2013 als Delegierter an der 10. Vollversammlung des Weltkirchenrats im südkoreanischen Busan teilgenommen. Leider war ich als Vorsitzender eines Ausschusses in den Pausen so beschäftigt, dass ich an den Exkursionen ins Land nicht teilnehmen konnte. Aber zwei Dinge habenmich beeindruckt: Die lebendige Kultur, an der uns die gastgebenden koreanischen Kirchen haben teilhaben lassen, und das lebendige kirchliche Leben. Die Kirchen in Korea sind sehr vielfältig, und sie haben prägende Bedeutung für Land und Kultur.
I participated as a delegate in the 10th Assembly of the World Council of Churches in Busan, South Korea, in 2013. Unfortunately, as the chair of a committee, I was so busy during the breaks that I couldn’t join the excursions around the country. However, two things left a lasting impression on me: the vibrant culture shared with us by the hosting Korean churches, and the dynamic life of the church itself. The churches in Korea are remarkably diverse and play a formative role in both the country and its culture.
Dr. Chai: Sie begründen Ihre Position als öffentlicher Theologe mit der Argumentation, dass Religion in der modernen Gesellschaft nicht eine private Glaubenssache bleiben sollte, sondern im öffentlichen Raum moralische Orientierung bieten und sich aktiv mit komplexen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen sollte. Und Sie haben an der Grüuendungsversammlunger des Global Network of Public Theology 2007 in Princeton teilgenommen. Ihre Doktorarbeit, Ihre Habillitationsarbeit und eine Reihe nachfolgender Veröffentlichungen orientieren sich auf christliche Verantwortung und Engagement in der Welt. Welche Theologen oder Theologien haben Ihre theologischen Gedanken beeinflusst? Oder hat Ihre theologischen Orientierung mit einer spezifischen persönlichen Lebenserfahrung zu tun?
You justify your position as a public theologian by arguing that religion in modern society should not remain a private matter of faith, but rather offer moral guidance in the public sphere and actively engage with complex social issues. You also participated in the founding assembly of the Global Network of Public Theology in Princeton in 2007. Your doctoral dissertation, your habilitation thesis, and a series of subsequent publications focus on Christian responsibility and engagement in the world. Which theologians or theological traditions have influenced your thinking? Or is your theological orientation rooted in a specific personal life experience?
Heinrich:
Der biographische Hintergrund hat mit meiner Familie zu tun. Meine Eltern haben die Zeit der Nazi-Herrschaft als Kinder und Jugendliche erlebt. Das Erschrecken über die nationalsozialistischen Verbrechen hat dazu geführt, dass sie mich und meine vier Geschwister so erzogen haben, dass wir diese Verbrechen nie vergessen und alles tun sollten, dass so etwas nie wieder passiert. Deswegen war für mich immer zentral, für die Menschenwürde einzutreten und nicht zu schweigen, sondern mich öffentlich zu engagieren, wenn sie verletzt wird. Der wichtigste Theologe war für mich schon sehr früh Dietrich Bonhoeffer. Meinen Eltern war er so wichtig, dass sie ihren ersten Sohn, meinen älteren Bruder, Dietrich genannt haben. Ich habe dann viel später, 2008, die „Dietrich Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie“ an der Universität Bamberg gegründet. Bonhoeffer hat uns eingeschärft, den Glauben nicht in die Privatsphäre zu verbannen, sondern auch in den öffentlichen Diskussionen zu bezeugen. Für ihn war der „Blick von unten“ leitend, das Eintreten für die Schwachen. Von Karl Barth habe ich gelernt, dass der Blick auf Christus, in dem sich Gott als Mensch uns offenbarthat, für unseren Glauben zentral ist. Christus hat in seiner „Antrittspredigt“ in Nazareth den Propheten Jesaja zitiert und als das Zentrum seiner Mission die Verkündigung des Evangeliums für die Armen markiert. Der lateinamerikanische Befreiungstheologe Gustavo Gutierrez, bei dem ich 1985 in Berkeleyein ein-wöchiges Seminar machen konnte, hat diese biblische „vorrangige Option für die Armen“ als unseren Auftrag für unsere heutige Welt beschrieben. Das hat auch großen Einfluss auf meine Theologie gehabt. Schließlich ist mir über die Jahre Jürgen Moltmann zu einem väterlichen Freund geworden. Er hat eine tiefe Hoffnung für die Welt mit dem Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung verbunden. Er hat für die Ökumene gebrannt. Bei meinem letzten Besuch zwei Wochen vor seinem Tod hat er gesagt: „Mein Herz hängt an der Ökumene“ und wollte alles erzählt bekommen, was ich in meinem Amt als Vorsitzender des Weltkirchenrats von der Ökumene zu berichten hatte.
My biographical background is closely tied to my family. My parents experienced the Nazi regime as children and adolescents. Their horror at the crimes of National Socialism led them to raise me and my four siblings with the conviction that we must never forget these atrocities—and that we must do everything in our power to ensure they never happen again. That’s why standing up for human dignity and speaking out publicly when it is violated has always been central to me.
The most important theologian for me, even from an early age, was Dietrich Bonhoeffer. He was so significant to my parents that they named their first son—my older brother—Dietrich. Much later, in 2008, I founded the “Dietrich Bonhoeffer Research Center for Public Theology” at the University of Bamberg. Bonhoeffer taught us not to confine faith to the private sphere, but to bear witness to it in public discourse. His guiding principle was the “view from below”—standing up for the vulnerable.
From Karl Barth, I learned that the focus on Christ—through whom God reveals Himself to us as human—is central to our faith. In His “inaugural sermon” in Nazareth, Christ quoted the prophet Isaiah and marked the proclamation of the Gospel to the poor as the heart of His mission.
The Latin American liberation theologian Gustavo Gutiérrez, with whom I attended a week-long seminar in Berkeley in 1985, described this biblical “preferential option for the poor” as our calling in today’s world. His work had a profound influence on my theology.
Over the years, Jürgen Moltmann became a fatherly friend to me. He combined a deep hope for the world with a commitment to justice, peace, and the care of creation. He was passionate about ecumenism. During my last visit with him, two weeks before his death, he said: “My heart belongs to ecumenism,” and he wanted to hear everything I could share about my work as Chair of the World Council of Churches.
Dr. Chai: Vor welchen theologischen Herausforderungen steht die öffentliche Theologie derzeit im deutschen und globalen Kontext?
What theological challenges does public theology currently face in the German and global context?
Heinrich:
Wir erleben gegenwärtig eine Konjunktur rechtspopulistischer Bewegungen. Autokraten in Russland, China und zunehmend auch in den USA und anderen Ländern stellen die Macht über das Recht. Und immer wieder missbrauchen sie das Christentum dazu, ihre Machtpolitik religiös zu ummanteln. Hier müssen wir klar widersprechen und für die Menschenwürde eintreten. Die Bibel sagt nicht: jeder Deutsche oder jeder Koreaner oder jeder Amerikaner ist geschaffen zum Bilde Gottes. Sondern: jeder Mensch! Deswegen kann es uns nicht kalt lassen, wenn jeden Tag 20 000 Menschen weltweit sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Öffentliche Theologie hat dieAufgabe, die Grundorientierungen des Evangeliums in die öffentlichen Debatten um die großen Menschheitsfragen wie die Überwindung von Hunger und Armut, die Bekämpfung des Klimawandels und die Überwindung der Gewalt einzubringen. Man darf Spiritualität und Gebet nicht gegen den Einsatz in und für die Welt ausspielen. Dietrich Bonhoeffer hat christliche Existenz einmal beschrieben als „Beten, Tun des Gerechten und Warten auf Gottes Zeit“. Man kann nicht beten, ohne sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Und das Warten auf Gottes Zeit ist die Quelle der Hoffnung in einer gespaltenen Welt. Denn wer wartet, weiß, dass noch etwas kommt. Moltmanns Reich-Gottes-Theologie verbindet das zeichenhafte Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden im hier und jetzt mit der Gewissheit, dass wir nicht auf ein dunkles Loch zugehen, sondern auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der alle Tränen abgewischt sind.
We are currently witnessing a surge in right-wing populist movements. Autocrats in Russia, China, and increasingly in the United States and other countries are placing power above the rule of law. Time and again, they misuse Christianity to cloak their power politics in religious language. We must clearly oppose this and stand up for human dignity.
The Bible does not say that every German, every Korean, or every American is created in the image of God—it says every human being is! That’s why we cannot remain indifferent when 20,000 people die every day around the world because they do not have enough to eat.
Public theology has the task of bringing the core orientations of the Gospel into public debates on the great challenges facing humanity—such as overcoming hunger and poverty, combating climate change, and ending violence. Spirituality and prayer must never be played off against engagement in and for the world.
Dietrich Bonhoeffer once described Christian existence as “praying, doing what is just, and waiting for God’s time.” One cannot pray without committing to justice. And waiting for God’s time is the source of hope in a divided world—because those who wait know that something is still to come. Jürgen Moltmann’s theology of the Kingdom of God connects symbolic action for justice and peace in the here and now with the certainty that we are not heading into a dark abyss, but toward a new heaven and a new earth, where every tear will be wiped away.
Dr. Chai: Die koreanische Kirche ist seit Langem ideologisch gespalten und infolge der Teilung Nord- und Südkoreas und der Nachwirkungen des Koreakriegs von einem tief verwurzelten Antikommunismus geprägt. Darüber hinaus haben sich die jüngsten Konflikte und Spaltungen aufgrund von Themen wie Flüchtlingsfeindlichkeit, antichinesischer Stimmung, LGBTQ+-Problemen und Rechtsextremismus verschärft. Die Glaubwürdigkeit der Kirche schwindet aufgrund moralischer Probleme der Kirchenführer und der Vererbungskraft von sogenannten Megakirchen, und viele junge Menschen treten aus der Kirche aus. Südkorea hat die niedrigste Geburtenrate aller OECD- Länder. Die Zahl der Christen ist dramatisch zurückgegangen, insbesondere seit der Pandemie.
Natürlich kann sich die Situation der deutschen Kirche von der koreanischen unterscheiden, doch vor welchen Herausforderungen steht die deutsche Kirche heute und wie begegnet die öffentliche Theologie diesen verschiedenen realistischen Problemen?
The Korean church has long been ideologically divided and, as a result of the division between North and South Korea and the aftermath of the Korean War, is deeply shaped by entrenched anti-communism. In recent years, conflicts and divisions have intensified around issues such as hostility toward refugees, anti-Chinese sentiment, LGBTQ+ matters, and right-wing extremism. The credibility of the church has declined due to moral failings among church leaders and the dynastic nature of so-called megachurches, leading many young people to leave the church. South Korea has the lowest birth rate among all OECD countries. The number of Christians has dropped dramatically, especially since the pandemic.
Of course, the situation of the German church may differ from that of the Korean church, but what challenges does the German church face today, and how does public theology respond to these various real-world issues?
Heinrich:
Auchbei uns gehen die Mitgliederzahlen zurück. Die Kraft der Kirche kann aber nicht am Mitgliederstand abgelesen werden, sondern daran, ob wir die Liebe Jesu Christi als Kirche ausstrahlen. Das Motto der Karlsruher Vollversammlung des Weltkirchenrats 2022 war: „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“. Wir haben unseren Weg als Kirchen bis zur nächsten Vollversammlung als „Pilgerweg für Gerechtigkeit, Versöhnung und Einheit“ beschrieben. Wir sind keine politische Partei und können auch nie einem bestimmten politischen Programm einen Heiligenschein verleihen. Aber für die Grundorientierungen Jesu auch im Hier und Jetzt eintreten, das können wir nicht nur, dazu sind wir von Jesus ausdrücklich gerufen worden, als er uns zugesprochen hat, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Wir stehen an der Seite der Schwachen und treten ein für eine Welt, in der alle Menschen in Würde leben können. Und wir strahlen dabei die Liebe Jesu Christi aus, auch gegenüber unseren Gegnern. Das ist das Entscheidende. Missionarische Existenz heute, heißt nicht die Erhöhung des Mitgliederbestands an die erste Stelle zu setzen, sondern diese Liebe auszustrahlen.
Membership numbers are declining in our churches as well. But the strength of the church cannot be measured by membership figures—it must be seen in whether we radiate the love of Jesus Christ as a church. The theme of the World Council of Churches Assembly in Karlsruhe in 2022 was: “Christ’s love moves the world to reconciliation and unity.” We described our journey as churches leading up to the next assembly as a “Pilgrimage of Justice, Reconciliation, and Unity.”
We are not a political party, nor can we ever sanctify any particular political agenda. But we can—and indeed are explicitly called by Jesus—to stand up for His core values here and now. He told us: “You are the salt of the earth and the light of the world.” We stand with the vulnerable and advocate for a world in which all people can live with dignity. And in doing so, we radiate the love of Jesus Christ—even toward our opponents. That is what truly matters.
To live missionally today does not mean putting church growth first. It means radiating this love.
Dr. Chai: Sie haben zahlreiche Bücher geschrieben. Neben Ihrer Dissertation über „Vorrang für die Armen“ (1993) und der Habilitation über „Gemeinschaft aus kommunikativer Freiheit“ (1998) haben Sie u. a. auch Monographien über „Schöpfung “(2001), „Nach Gott im Leben fragen. Ökumenische „Einführung ins Christentum“ (2004) (als Mitautor), ‘Position beziehen. Perspektiven einer öffentlichen Theologie“ (2012), Leben dürfen – Leben müssen. Argumente gegen die Sterbehilfe (2015), Mitgefühl. Ein Plädoyer (2016), Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche (2017), Frömmigkeit und Glück, 2022 und einen Aufsatzband mit englischen Ausätzen zur öffentlichen Theologie mit dem Titel „Liberation Theology for a Democratic Society” veröffentlicht. Von diesen vielen Büchern scheint jedoch nur „Befreiungstheologie für eine demokratische Gesellschaft: Essays zur öffentlichen Theologie“ ins Koreanische übersetzt und veröffentlicht worden zu sein.
Allerdings wurden nicht viele andere Bücher mit dem spezifischen Titel „Öffentliche Theologie “ auf Koreanisch veröffentlicht. Max L. Stackhouses „Globalisierung und Gnade“, Miroaslav Volf, „Christentum auf dem Platz – Was ist öffentlicher Glaube“, Felix Wilfreds „Asiatische öffentliche Theologie “, Paul S. Chung „Öffentliche Theologie und interdisziplinäre Kommunikationstheorie “ und „Öffentliche Theologie und Körperpolitik “, Im Chang-ses „Karl Barth und die öffentliche Theologie “ und „Öffentliche Theologie und die koreanische Gesellschaft “ von Seong Seok-hwan sind bereits erschienen. In diesem Sinne glaube ich, dass Ihr Buch „Befreiungstheologie für eine demokratische Gesellschaft“ das Interesse an der öffentlichen Theologie innerhalb der koreanischen Kirche und theologischen Gemeinschaft neu entfachen wird. Könnten Sie als Autor erklären, worauf Sie in diesem Buch besonders Wert legen?
You have written numerous books. In addition to your dissertation Priority for the Poor (1993) and your habilitation thesis Community from Communicative Freedom (1998), you have also published monographs such as Creation (2001), Asking About God in Life: An Ecumenical Introduction to Christianity (2004, as co-author), Taking a Stand: Perspectives of Public Theology (2012), To Be Allowed to Live – To Be Forced to Live: Arguments Against Assisted Dying (2015), Compassion: A Plea (2016), Radical Love: Impulses for the Future of a Courageous Church (2017), Piety and Happiness (2022), and a collection of English essays on public theology titled Liberation Theology for a Democratic Society (2018). Among these many works, it seems that only Liberation Theology for a Democratic Society: Essays on Public Theology has been translated and published in Korean.
However, not many other books with the specific title “Public Theology” have been published in Korean. Works such as Max L. Stackhouse’s Globalization and Grace, Miroslav Volf’s A Public Faith, Felix Wilfred’s Asian Public Theology, Paul S. Chung’s Public Theology and Interdisciplinary Communication Theory and Public Theology and Body Politics, Im Chang-se’s Karl Barth and Public Theology, and Seong Seok-hwan’s Public Theology and Korean Society have already appeared. In this context, I believe your book Liberation Theology for a Democratic Society will rekindle interest in public theology within the Korean church and theological community. As the author, could you explain what you particularly emphasize in this book?
Heinrich:
Die Befreiungstheologie mit ihrer vorrangigen Option für die Armen hat sich in Diktaturen entwickelt. Sie musste deswegen Fundamentalkritik üben. Das zentrale Paradigma war der Exodus. Die Frage, welche Orientierung das Evangelium geben kann, wenn Menschen mit Macht sich aufrichtig am Evangelium orientieren wollen, trat dahinter zurück. Inzwischen haben – etwa in Südafrika oder in Brasilien – Menschen führende Positionen in der Politik, die aus der befreiungstheologischen Tradition kommen, aber nun in der Politik mit all ihrer Dilemmahaftigkeit gestalten können und wollen. Die politische Willensbildung findet in einem demokratischen öffentlichen Diskurs statt. Wie können die Kirchen sich mit ihrem starken auf der Bibel gründenden Orientierungswissen in diesen Diskurs einbringen? Das ist die zentrale Frage der öffentlichen Theologie. Eines der sechs Kriterien, die ich dafür entwickelt habe, ist die „Zweisprachigkeit“ Wir sprechen als Christen die biblische Sprache. Als Bürgerinnen und Bürger müssen wir aber auch die Sprache des säkularen öffentlichen Diskurses sprechen und für alle plausibel machen, warum die biblischen Orientierungen heute hochrelevant sind.
Liberation theology, with its preferential option for the poor, emerged in the context of dictatorships. As a result, it had to engage in fundamental critique. Its central paradigm was the Exodus. The question of what guidance the Gospel can offer when people in positions of power genuinely seek to align themselves with it was, at the time, secondary.
Today, however—in places like South Africa and Brazil—individuals shaped by the tradition of liberation theology now hold influential political positions and seek to lead within the complex realities of democratic governance. Political will is formed through public democratic discourse. The key question for public theology is: how can churches contribute to this discourse with their deep, biblically grounded moral insight?
One of the six criteria I’ve developed for this is what I call “bilingualism.” As Christians, we speak the language of the Bible. But as citizens, we must also speak the language of secular public discourse—and make it clear and compelling to all why biblical values remain profoundly relevant today.
Dr. Chai: Haben Sie schon von der Minjung-Theologie gehört? In den 1970er Jahren, als die Entwicklungsdiktatur plante, ihre Macht langfristig zu sichern, unterdrückte sie die Demokratie- und Menschenrechtsbewegung und die Meinungsfreiheit. Viele Christen, die sich dagegen wehrten, wurden verhaftet oder entlassen und mussten leiden. In dieser Situation entstand die „ Minjung-Theologie“, und die Unterstützung der Weltkirche und die Solidarität unter den Theologen wurden zu einer großen Verstärkung und Ermutigung. Der taiwanesische Befreiungstheologe C.S. Song und der schwarze Befreiungstheologe James H. Cone besuchten Korea. Insbesondere Jürgen Moltmann, der Korea 1975 zum ersten Mal besuchte, ermutigte leidende koreanische Christen und Minjung-Theologen durch Vorlesungen wie „Evangelisation und Befreiung“ und „Die Kirche in der Hoffnung und im Kampf des Volkes“. 1984 veröffentlichte Professor Moltmann eine Essaysammlung mit dem Titel „Minjung-Theologie des Volkes in Korea“, die eine bedeutende Rolle bei der Einführung der koreanischen Minjung-Theologie in der deutschen theologischen Gemeinschaft spielte. Es gab auch einen polemischen Briefwechsel zwischen deutschen Theologen und Minjung-Theologen. Die Streitpunkte drehten sich um Fragen wie: Wer ist der „ Minjung “? Wenn das Volk das Subjekt der Heilsgeschichte ist, wer wird das Volk retten? Wird die Minjung-Theologie mit der wirtschaftlichen Entwicklung Koreas ebenfalls verschwinden? Kann die Minjung-Theologie als „Befreiungstheologie im koreanischen Kontext “definiert werden? Wie verstehen Sie „Minung-Theologie‘ als öffentlicher Theologe?
Have you heard of Minjung Theology? In the 1970s, when the developmental dictatorship sought to secure its power long-term, it suppressed the democracy and human rights movement as well as freedom of expression. Many Christians who resisted were arrested, dismissed from their positions, and suffered greatly. In this context, Minjung Theology emerged, and support from the global church and solidarity among theologians became a source of great strength and encouragement.
Taiwanese liberation theologian C.S. Song and African American liberation theologian James H. Cone visited Korea. In particular, Jürgen Moltmann, who first visited Korea in 1975, encouraged suffering Korean Christians and Minjung theologians through lectures such as “Evangelization and Liberation” and “The Church in the Hope and Struggle of the People.” In 1984, Professor Moltmann published a collection of essays titled Minjung Theology of the People in Korea, which played a significant role in introducing Korean Minjung Theology to the German theological community.
There was also a polemical exchange of letters between German and Minjung theologians. The points of contention revolved around questions such as: Who are the Minjung? If the people are the subject of salvation history, who will save the people? Will Minjung Theology disappear with Korea’s economic development? Can Minjung Theology be defined as “Liberation Theology in the Korean context”? How do you, as a public theologian, understand Minjung Theology?
Heinrich:
Ich habe schon während meines Theologiestudiums in den 80er Jahren in Heidelberg über meine Lehrer Wolfgang Huber und Theo Sundermeier, die mir später zu Freunden wurden, von der Minjung-Theologie gehört. Sie gehörte zu den Befreiungstheologien, die mich schon damals besonders interessiert haben. Später ist sie mir auch durch Jürgen Moltmann nahegekommen. Leider habe ich damals noch keine persönlichen Erfahrungen in Korea sammeln können. Aber ich verstehe öffentliche Theologie als Weiterentwicklung der Minjung-Theologie für eine demokratische Gesellschaft.
I first learned about Minjung Theology during my theological studies in the 1980s in Heidelberg, through my professors Wolfgang Huber and Theo Sundermeier, who later became close friends. It was one of the liberation theologies that deeply interested me even then. Later, I became more familiar with it through Jürgen Moltmann.
Unfortunately, I was not able to gain personal experience in Korea at that time. However, I understand public theology as a further development of Minjung Theology—adapted for a democratic society.
Dr. Chai: Ich glaube, dass die christliche Theologie entweder ihrem Wesen nach ökumenisch ist oder gar nicht christliche Theologie. Schöpfung, Menschwerdung Gottes, Pfingsten und die Ereignisse der Sprache unterstreichen den ökumenischen Charakter der christlichen Theologie. Nicht im engen Sinne der „Einheit der Kirche“, sondern im griechischen Sinne von „wohnen“, „leben“, „die ganze bewohnte Welt“. Im diesen Sinne der Ökumene muss die christliche Theologie der ganzen Schoepfung gegenueber offen sein, so wie Gottes Gnade der ganzen Welt offen steht.
Allerdings wird „Oikoumene“ im Koreanischen mit „Salimsali“ übersetzt. Das koreanische Wort „ Salim“ hat zwei Bedeutungen. Eine bedeutet „Haushaltsführung“ und die andere „von den Toten auferwecken“ . Mit anderen Worten bedeutet es „Leben“(Sallim). Die christliche Theologie ist in dem Sinne ökumenisch, dass sie sich auf Leben und Sallim bezieht, und jede Theologie, die nicht ökumenisch ist, kann keine christliche Theologie sein .
Ich glaube, dass öffentliche Theologie eine ökumenische Theologie ist, die offen für die komplexen Realitäten der heutigen Welt ist und in der Lage ist, sich mit den komplexen Herausforderungen unserer Zeit verantwortlich auseinander zu setzen. Welche globalen Herausforderungen stehen Ihrer Meinung nach der öffentlichen Theologie derzeit bevor ?
I believe that Christian theology is either ecumenical by its very nature—or it is not truly Christian theology at all. Creation, the incarnation of God, Pentecost, and the events surrounding language all underscore the ecumenical character of Christian theology. Not in the narrow sense of “church unity,” but in the Greek sense of oikoumene—meaning “to dwell,” “to live,” “the whole inhabited world.” In this broader sense, Christian theology must be open to all of creation, just as God’s grace is open to the entire world.
Interestingly, the term oikoumene is translated into Korean as salimsali. The Korean word salim carries two meanings: one is “housekeeping” or “household management,” and the other is “to raise from the dead.” In other words, it signifies “life” (sallim). Christian theology is ecumenical in the sense that it relates to life and sallim—and any theology that is not ecumenical cannot be considered Christian theology.**
I believe that public theology is an ecumenical theology—one that is open to the complex realities of today’s world and capable of engaging responsibly with the multifaceted challenges of our time. In your view, what global challenges does public theology currently face?
Heinrich:
Die Zukunft von Kirche und Theologie liegt ganz bestimmt in der Ökumene. Paulus fragt in 1. Korinther 1 angesichts der Spaltungen in der korinthischen Gemeinde: „Ist Christus etwa zerteilt?“ Wir kennen alle die Antwort. Es ist ein bleibender Skandal, dass die Kirchen, die sich doch alle auf diesen Jesus Christus berufen, noch immer getrennt voneinander sind. Die großen Menschheitsprobleme sind allesamt nur weltweit zu lösen. Da braucht es eine Christenheit, die die Liebe und die Anwaltschaft für die Schwachen, für die Christus steht, in dieser Welt geeint bezeugt. Wo wir Christen unsere Trennungen überwinden, können wir auch ein Zeichen für die Welt sein, die ein solches Zeugnis der Einheit so dringend braucht. Wir sind als Kirchen überall auf der Welt lokal verwurzelt. Zugleich haben wir in unserem Glauben an den Gott Jesu Christi einen gemeinsamen universalen Horizont. Deswegen braucht die Welt unseren Einsatz in der globalen Zivilgesellschaft gerade jetzt.
The future of the church and theology undoubtedly lies in ecumenism. In 1 Corinthians 1, Paul asks in light of the divisions within the Corinthian community: “Is Christ divided?” We all know the answer. It remains a scandal that the churches, all of which claim to follow Jesus Christ, are still separated from one another.
The great challenges facing humanity can only be solved globally. What is needed is a Christianity that bears united witness to the love and advocacy for the vulnerable—for whom Christ stands. Wherever we Christians overcome our divisions, we can become a sign for the world—a world that urgently needs such a testimony of unity.
As churches, we are locally rooted all over the world. At the same time, through our faith in the God of Jesus Christ, we share a common universal horizon. That is why the world needs our active engagement in global civil society—especially now.
Dr. Chai: Die Graduate School of Theology of the Hanshin-Universität ist eine theologische Universität mit der längsten akademischen und ökumenischen theologischen Tradition in Korea. Die Presbyterianische Kirche Koreas, zu der die Hanshin-Universität gehört, ist eine Konfession, die 1953 aus der Presbyterianischen Kirche ausgeschlossen wurde, weil sie sich für theologische Freiheit einsetzte. Es ist eine Kirche, die wegen der Freiheit der wissenschaftlichen Theologie gegründet wurde. Deshalb betreibt die Graduate School of Theologie neben dem Theologischen Forschungsinstitut auch das Zentrum für Wissenschaft und Religion, das Zentrum für Frieden und Öffentlichkeit und die Graduiertenschule für soziale Innovation. Das Zentrum für Wissenschaft und Religion unterhält eine partnerschaftliche Beziehung mit der Universität Heidelberg (Prof. Michael Welker) und CTNS in Berkeley, USA. Wir führen in Zusammenarbeit mit Professor Welker gemeinsame Forschungen durch. Wir hoffen, unsere Partnerschaft mit Schwerpunkt auf der öffentlichen Theologie ausbauen zu können. Darüber hinaus hoffen wir, den akademischen Austausch mit den Professoren, die an diesem internationalen akademischen Symposium teilgenommen haben, zu vertiefen. Was sollte Ihrer Meinung nach in Zukunft im ökumenischen wissenschaftlichen Austausch im Bereich der öffentlichen Theologie im Mittelpunkt stehen?
The Graduate School of Theology at Hanshin University is a theological institution with the longest academic and ecumenical theological tradition in Korea. The Presbyterian Church of Korea, to which Hanshin University belongs, is a denomination that was excluded from the Presbyterian Church in 1953 because it advocated for theological freedom. It is a church founded on the principle of freedom in academic theology.
For this reason, the Graduate School of Theology operates not only the Theological Research Institute but also the Center for Science and Religion, the Center for Peace and Publicness, and the Graduate School for Social Innovation. The Center for Science and Religion maintains a partnership with Heidelberg University (Prof. Michael Welker) and CTNS in Berkeley, USA. We conduct joint research in collaboration with Professor Welker. We hope to expand our partnership with a focus on public theology. Furthermore, we hope to deepen academic exchange with the professors who participated in this international academic symposium.
In your view, what should be the central focus of future ecumenical academic exchange in the field of public theology?
Heinrich:
Ich glaube, das Entscheidende ist das Thema Kontextualität und Interkontextualität der öffentlichen Theologie, ein Thema, über das ich schon 2011 eine internationale Konferenz an der Uni Bamberg veranstaltet habe. Die Beiträge haben wir unter dem Titel „Contextuality and Intercontextuality in Public Theology“ veröffentlicht. Die Frage bleibt brandaktuell. Viele der Konflikte weltweit haben damit zu tun, dass wir die Kontextualität der anderen nicht verstehen. Wir müssen ihre Kontextualität verstehen und zugleich nach interkontextuellen Grundorientierungen suchen, die überall gelten – die Menschenrechte sind dafür ein Beispiel. Deswegen freue ich mich, wenn wir unsere internationale Vernetzung so weit wie möglich verstärken.
I believe the crucial issue is the topic of contextuality and intercontextuality in public theology– a subject on which I organized an international conference at the University of Bamberg back in 2011. We published the contributions under the title “Contextuality and Intercontextuality in Public Theology.” The question remains highly relevant. Many of the conflicts around the world stem from our failure to understand the contextuality of others. We must strive to understand their contextuality while also seeking intercontextual guiding principles that apply universally—human rights are one example . That’s why I’m pleased whenever we can strengthen our international networking as much as possible.
Dr. Chai: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses ausführliche Interview genommen haben. Ich glaube, dass dieses Interview eine Herausforderung für die koreanische Kirche und theologische Gemeinschaft darstellt. Bleiben Sie während Ihres Aufenthalts in Korea gesund, Ich wuensche, dass Ihr Dienst dazu beitragen wird, die ökumenische Bewegung der Weltkirche weiter lebendig und aktiv zu machen. Vielen herzlichen Dank.
Thank you very much for taking the time for this in-depth interview. I believe this interview presents a challenge for the Korean church and theological community. Stay healthy during your stay in Korea. I hope your ministry will help keep the ecumenical movement of the global church vibrant and active. Thank you very sincerely.